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Samstag, 7. Dezember 2019, 13:11

Endlich gelöst: Die Rätsel der ???-Klassiker. Folge 6: Der sprechende Totenkopf

Zur Zeit lese ich die Bücher zu den alten ???-Folgen, um die Fragen zu klären, die in den Hörspielen aufgrund der Buchkürzungen und –änderungen offen bleiben.

Diesmal habe ich mir den „sprechenden Totenkopf“ (Hörspiel-Folge 6) vorgenommen (der übrigens auch meine allererste Folge war). Ich wünsche viel Spaß und hoffentlich neue Erkenntnisse bei der Lektüre.

1. Wie trat Gulliver mit dem Totenkopf auf? Und warum nannte er ihn „Sokrates“?

Zunächst trat Gulliver als Zauberer mit dem Totenkopf auf. Der Totenkopf konnte scheinbar sprechen und redete mit dem Publikum, auch wenn Gulliver am Ende des Raumes saß oder gar nicht im Raum war – eine Bauchrednernummer konnte es also nicht sein. Stattdessen hatte Gulliver natürlich mit dem versteckten Lautsprecher im Untersatz/Sockel/Bodenplatte des Totenkopfes gearbeitet. Doch niemand durchschaute diesen Trick.

Nachdem der Erfolg nachließ, sattelte Gulliver auf Wahrsager bzw. „Lebensberater“ um. Die Kunden durften dem Totenkopf Fragen zu ihrer Zukunft stellen, die dieser scheinbar beantwortete. Aus diesem Anlass nannte er ihn „Sokrates“ – nach dem Weisen aus dem alten Griechenland.

2. Warum kam Gulliver ins Gefängnis?

Gulliver begann, mit „Sokrates“ seinen Kunden auch Börsentipps und ähnliches zu geben. Einige Kunden verloren dabei Geld und erstatteten Anzeige. Gulliver wurde daraufhin wegen „gesetzeswidriger Wahrsagerei“ zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt.

3. Wann, warum und wie ist Gulliver untergetaucht?

Nachdem Gulliver aus der Haft entlassen war, zog er in ein Hotel. Eines Tages erhielt er den Brief von Spike Neely aus dem Gefängniskrankenhaus. Neely hatte Gulliver im Gefängnis gesagt, er würde ihm einen Hinweis schicken, wo die 50.000 Dollar versteckt sind, falls ihm (Neely) etwas zustoßen würde. Doch Gulliver verstand den Brief nicht, daher versteckte er ihn im Koffer.

Eines Abends erfuhr er, dass ein paar Männer nach ihm gefragt hatten - darunter der Gangster „Three-Finger“, der ebenfalls im Gefängnis von dem Geld erfahren hatte. Gulliver ahnte, dass die Gangster das Geldversteck mit Gewalt von ihm erfahren wollten. Zur Polizei zu gehen traute er sich nicht. Daher kehrte er nicht mehr in sein Hotelzimmer zurück, sondern tauchte sofort unter – wobei er auch den Koffer zurückließ. Der Koffer stand dann ein ganzes Jahr auf dem Speicher des Hotels, bis er schließlich versteigert wurde.

Gullivers Verschwinden liegt also zu Beginn des Buches ca. 1 Jahr zurück. Er ging zu den Zigeunern (die er schon lange kannte, denn auch seine Mutter war Zigeunerin), kümmerte sich als Vertrauensmann um deren geschäftliche Dinge und lebte als „Wahrsagerin Juana“.

Auch die Frau auf der Auktion (laut Buch eine „kleine alte Dame“), die den ??? den Koffer abkaufen will, war der verkleidete Gulliver (im Hörspiel daher auch richtig mit Joachim Wolff besetzt). Irgendwie hatte er herausbekommen, dass sein Koffer dort versteigert werden sollte, kam aber zu spät, um mitbieten zu können.

4. Wer schickte den ??? den Koffer zurück?

Gulliver und die Zigeuner. Sie hatten den „Three-Finger“-Leuten (die Mr. Maximilian überfallen hatten) den Koffer wieder abgenommen und schickten ihn zurück, damit die ??? weiter an dem Fall arbeiten konnten. Denn Gulliver hatte inzwischen erfahren, wie viele Fälle die ??? schon gelöst hatten und hoffte, sie würden das versteckte Geld finden und der Polizei übergeben. Daher gab er auch Justus per Funk die von Sokrates geflüsterten Botschaften und bat ihn zur „Zigeunerin Juana“. Er wollte, dass Justus anbeißt (was ja auch klappte :D ).

5. Die Sache mit den Tapeten

Zunächst glauben die ??? (nachdem sie die übereinander geklebten Briefmarken entdeckt haben), dass Spike Neely das Geld im Haus seiner Schwester unter einer Tapete versteckt hat. Wieso eigentlich, fragt man sich beim Hörspiel, denn er hatte doch mit dem Mann seiner Schwester nur andere Häuser tapeziert?

Im Buch erzählt Mrs. Miller jedoch, dass ihr Bruder Spike anfangs eine Woche gar nicht aus dem Haus ging und ihrem Mann nicht bei der Arbeit helfen wollte. Nach Spikes Festnahme wurde ihr klar, dass er sich vor der Polizei verstecken wollte, die wegen des Bankraubs nach ihm fahndete. Allerdings tapezierte er in dieser Woche im Haus das gesamte Erdgeschoss! Daher ist der Verdacht mit den Tapeten im Buch folgerichtig – im Hörspiel eher nicht.

6. Warum verließ Spike seine Schwester so schnell, nachdem ihr Mann gestorben war?

„Er hatte Angst vor irgendwelchen Männern, die ihn vermutlich wegen des Geldes jagten“, sagt Mrs. Miller im Hörspiel. Hier hat H.G. Francis aber scheinbar Spike Neely mit dem späteren Gulliver verwechselt. Denn zu diesem Zeitpunkt wussten noch keine anderen Gangster von dem versteckten Geld. Das kam erst später, als Spike im Gefängnis saß.

Im Buch hat Mrs. Miller eine ganz andere Erklärung: Sie hatte nach dem Tod ihres Mannes eine Sterbeanzeige aufgegeben, worin sie als nahen Verwandten auch ihren Bruder mit Namen und gemeinsamer Anschrift nannte. Daher habe Spike wohl Angst bekommen, „jemand“ (wahrscheinlich meint sie die Polizei) könne ihn anhand der Anschrift aufspüren.

7. Was ist mit den drei Gangstern Three-Finger, Babyface Benson und Meckie Messer?

Ich hatte immer gedacht, der falsche Mr. Grant hätte diese drei Figuren lediglich erfunden, um den ??? einen Schrecken einzujagen. Aber nein - es gibt sie im Buch wirklich! Gleich nachdem Grant und die ??? das frühere Haus von Mrs. Miller betreten haben, um nach dem Geld zu suchen (es ist zu diesem Zeitpunkt schon dunkel), tauchen diese drei Gangster plötzlich auf. Three-Finger eröffnet den ??? lachend, „Mr. Grant“ sei in Wirklichkeit Smarty Simpson, „ein ganz gerissener Bursche in unserer Branche“. Die Gangster fesseln die Vier und fangen an, unter den Tapeten nach dem Geld zu suchen. Als das vergeblich bleibt, wollen sie das wahre Versteck mit Gewalt erfahren. Doch in diesem Augenblick kommen die Zigeuner ins Haus (mit Lonzo, den Justus schon von „Juana“ kennt, als Anführer) und überwältigen die Gangster. Nur Smarty Simpson kann im Dunkeln entkommen.

Lonzo führt die drei ??? hinaus zu einigen geparkten Autos. In einem davon sitzt „Juana“ (die ??? haben zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, dass es sich dabei um Gulliver handelt). Sie erklärt ihnen, die Zigeuner hätten die Gangster beschattet (die ihrerseits die drei ??? verfolgt hatten) und seien dadurch noch rechtzeitig gekommen.

Doch das Geld ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefunden. Erst als Bob (nicht wie im Hörspiel Peter) den entscheidenden Satz mit den Fohlen sagt, kommt Justus auf die Lösung. Alle stürzen zurück ins Haus. Mit dem Werkzeug, das die Zigeuner dabei haben, können die Fußbodenbretter auf dem Speicher gelockert werden – und das Geld ist da.

Danach verabschieden sich die Zigeuner mit der Ankündigung die Polizei zu verständigen (es gibt also nicht wie im Hörspiel einen zur Telefonzelle laufenden Peter, der nur wenige Sekunden später wie durch ein Wunder wieder da ist :lol: ). Die drei ??? sollen auf die Polizei warten, die die gefesselten Gangster und das Geld mitnehmen wird. Und in zwei Wochen soll Justus noch einmal zum Haus der Zigeuner kommen. Dort will ihm „Juana“ seine noch offenen Fragen beantworten. So geschieht es.

Und das letzte Kapitel spielt (wie üblich) im Büro von Mr. Hitchcock. Dieser wird (stellvertretend für die Leser) von den ??? über alle Geheimnisse aufgeklärt.


So. Das war's mit dieser Folge. Ich hoffe, auch ihr habt ein wenig Neues über diesen Fall erfahren.
Bis zum nächsten ???-Klassiker. :hi:
"Kommt, lasst uns abhauen! Wenn jetzt jemand kommt, kriegen wir die Jacke voll oder kommen in Schwierigkeiten."

Lutz Schnell als "Olaf" in "Vorstadtkrokodile" (Fontana, 1978)

LibussaKrokus

Grumbeersupp un' Quetschekuche

Beiträge: 3 260

Wohnort: Judikativenhausen

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2

Samstag, 7. Dezember 2019, 14:45

Mann! Krass, was du dir für eine Mühe machst! Einfach sensationell. Die ??? wie mit dem Skalpell seziert!
Nothing makes a father happier than seeing his daughter with a smile on her face and her boyfriend with fear in his eyes!

Glück ist wie furzen. Wenn man es erzwingt, kommt nur Scheiße raus!

3

Samstag, 7. Dezember 2019, 17:03

Ungeklärt im Buch übrigens trotzdem,
a) wie der Trick mit dem Totenkopf überhaupt funktioniert. In Buch und Hörspiel wird von einer "Funk-Gegensprechanlage" gesprochen. Bedeutet, daß der Schädel ein Mikro verbaut haben muß. Wer die Funktechnik kennt, weiß aber, daß die Tonquelle relativ nahe am Mikro sein muß, damit auf der anderen Seite etwas Verständliches ankommt. Bei Auftritten auf der Bühne oder auch im Buch selbst ist das jedoch nicht immer gegeben.
b) wie der Trick mit dem Totenkopf immer noch funktioniert, denn eine Funk-Gegensprechanlage benötigt Strom. Wenn man davon ausgeht, daß an Kopf und Zubehör kein Stecker angebracht ist und die drei ??? diesen an eine Stromversorgung angeschlossen haben (weil - verdächtig), müssen Batterien im Spiel sein. Entweder muß die Gegensprechanlage praktisch die komplette Zeit angeschaltet gewesen sein, was unmöglich ist, oder die Gegensprechanlage muß durch Justus & Co. auf irgendeine Art und Weise "scharfgeschaltet" worden sein, beispielsweise dadurch, daß der Schädel auf die Bodenplatte gesetzt wurde, aber selbst dann müßte die Anlage nahezu über den kompletten Fall, heißt: über Tage hinweg, durchgängig laufen. Wenn die Funkanlage etwas leistungsstärker ist, was ziemlich sicher der Fall sein muß, da man davon ausgehen kann, daß Sokrates' Stimmbänder sich nicht unmittelbar hinter den Vorhängen verborgen gehalten haben, sondern eher in einem separaten Raum im selben Theater/Haus, halten das die Batterien entweder nicht aus oder die Bodenplatte muß monströser sein als der Schädel (wäre auch auffällig).

Gruß
Skywise
Radio Liederlicht
Liedermacher & Co.


Mittwoch.
Kollege macht nach gehabtem Mittagessen die Teeküche sauber.
Skywise: "Ui. Wie geleckt. Ich sollte Sie weiterempfehlen."
Kollege: "Bringen Sie meine Frau nicht auf dumme Gedanken."

4

Samstag, 7. Dezember 2019, 17:21

Ungeklärt im Buch übrigens trotzdem,
a) wie der Trick mit dem Totenkopf überhaupt funktioniert. In Buch und Hörspiel wird von einer "Funk-Gegensprechanlage" gesprochen. Bedeutet, daß der Schädel ein Mikro verbaut haben muß. Wer die Funktechnik kennt, weiß aber, daß die Tonquelle relativ nahe am Mikro sein muß, damit auf der anderen Seite etwas Verständliches ankommt. Bei Auftritten auf der Bühne oder auch im Buch selbst ist das jedoch nicht immer gegeben.
b) wie der Trick mit dem Totenkopf immer noch funktioniert, denn eine Funk-Gegensprechanlage benötigt Strom. Wenn man davon ausgeht, daß an Kopf und Zubehör kein Stecker angebracht ist und die drei ??? diesen an eine Stromversorgung angeschlossen haben (weil - verdächtig), müssen Batterien im Spiel sein. Entweder muß die Gegensprechanlage praktisch die komplette Zeit angeschaltet gewesen sein, was unmöglich ist, oder die Gegensprechanlage muß durch Justus & Co. auf irgendeine Art und Weise "scharfgeschaltet" worden sein, beispielsweise dadurch, daß der Schädel auf die Bodenplatte gesetzt wurde, aber selbst dann müßte die Anlage nahezu über den kompletten Fall, heißt: über Tage hinweg, durchgängig laufen. Wenn die Funkanlage etwas leistungsstärker ist, was ziemlich sicher der Fall sein muß, da man davon ausgehen kann, daß Sokrates' Stimmbänder sich nicht unmittelbar hinter den Vorhängen verborgen gehalten haben, sondern eher in einem separaten Raum im selben Theater/Haus, halten das die Batterien entweder nicht aus oder die Bodenplatte muß monströser sein als der Schädel (wäre auch auffällig).

Gruß
Skywise


Irgendwie nimmst du mir jetzt aber auch den Spaß an der Folge. Vielleicht sollte man nicht zu viel darüber nachgrübeln, ist doch schließlich nur eine Geschichte, die unterhalten soll. :gruebel: :grins:

joe adder

praktiziert MOVEMBER das ganze Jahr, jedes Jahr!

Beiträge: 6 889

Wohnort: Land der Antipoden

Beruf: Gentleman

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5

Samstag, 7. Dezember 2019, 19:18


Irgendwie nimmst du mir jetzt aber auch den Spaß an der Folge. Vielleicht sollte man nicht zu viel darüber nachgrübeln, ist doch schließlich nur eine Geschichte, die unterhalten soll. :gruebel: :grins:

:lol::rofl: Da hast du recht. Manchmal muss man auch mal Fuenfe gerade sein lassen. ;) :]

Uwe - Wieder vielen Dank fuer diese tolle Arbeit. Ich dachte auch immer, das "Mr.Grant" die drei Gangster erfunden hatte. :lol:
"Warum sollte ich mich fürchten? Ich kenne keine Furcht."

Für meine Fotos auf EYEEM: The Art Of Daydreaming <== bitte hier klicken!

6

Donnerstag, 12. Dezember 2019, 14:50

Schön ausgeführte Erklärungen - vielen Dank! Eine tolle Idee von dir.
Ich habe die Folge insgesamt bereits ca. 50 Mal gehört. Es war glaube ich auch eine der ersten ??? Kassetten die mein großer Bruder mal zu Weihnachten geschenkt bekam. Als Kind machte ich mir allerdings Null Gedanken ob da was unschlüssig ist.
Schmunzeln mußte ich beim lesen über die ganzen tollen Gaunernamen.

Smeralda

Gelebtes Chaos

Beiträge: 1 925

Wohnort: Hoch oben im stürmischen Norden

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7

Donnerstag, 12. Dezember 2019, 15:38

Wow, vielen Dank Uwe!
Nach den Jahrzehnten die man die (HSP-) Folge schon kennt und nun sieht man als reiner Hörer etwas klarer und versteht die Hintergründe!
Echt toll wieviel Arbeit du dir machst und wie du es schreibst!
Ich würde mich sehr,sehr freuen, wenn du noch weitere Mysterien der ???-Welt auflösen würdest und noch einmal DANKE!! :]
Besser Illusionen die uns entzuecken als zehntausend Wahrheiten

8

Freitag, 13. Dezember 2019, 16:39

Besten Dank für das positive Feedback.

Für mich sind diese Beiträge übrigens weniger Mühe als Vergnügen (sonst würde ich es nicht machen). :]

Die Entschlüsselung weiterer ???-Klassiker folgt mit Sicherheit, allerdings wahrscheinlich erst nächstes Jahr (wegen des Weihnachtsstresses, man kennt das ja :D ).

"Kommt, lasst uns abhauen! Wenn jetzt jemand kommt, kriegen wir die Jacke voll oder kommen in Schwierigkeiten."

Lutz Schnell als "Olaf" in "Vorstadtkrokodile" (Fontana, 1978)

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