Heute im Sortiment:
Heißer Urlaub in Island, kalter Alltag in Deutschland und eine Rückkehr in die Einsamkeit
Täglich Brot
Autor(en): Gesine Danckwart (BRD 1969)
Produktion: DLR 2002
Regie: Beate Andres
Komposition: Thomas Leboeg
Preise / Auszeichnungen: Hörspiel des Monats
Inhaltsangabe: Ein ganz normaler Tag beginnt: Der Blick in den Spiegel zeigt nicht das Guten-Morgen-Gewinnergesicht, die Strumpfhose ohne Laufmasche ist nicht zu finden, und der Idiot von Nachbar hat seine Gute-Laune-Musik wieder zum Mitsingen laut aufgedreht.
Fünf Männer und Frauen erzählen aus ihrem Alltag. Sie sind um die dreißig, egozentrisch, sich selbst entfremdet, einsam - und immer auf der Suche nach dem Leben. Sie sind mehr oder weniger gut funktionierende Mitglieder einer auf Leistung getrimmten Gesellschaft. Stehen unter dem Druck, ein Maximum an Schönheit, Genuss, Erfolg und Einzigartigkeit aus dem eigenen Leben herauszupressen. Dafür leisten sie sich die "Ich-gönn-mir-wirklich-etwas-Creme" oder stürzen sich in kompliziert verdrehte Beziehungsgeschichten.
Hörspiel des Monats August 2002 - Begründung der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:
"'Arbeit macht Spaß. Diese Arbeit macht Spaß. Sonst würde ich sie ja nicht machen.' Modernen Angestellten ist das Vokabular der New Economy in Fleisch und Blut übergegangen. Worte wie 'Teamfähigkeit', 'Kreativität' und 'Humankapital' gehen ihnen aber nur so lange flüssig über die Lippen, wie sie die jeweilige Lebenssituation nicht einfach beschreiben, sondern vielmehr überdecken. Mit der Zeit gelingt dies nicht mehr, die Stereotype werden korrumpiert. Die Sprache beginnt ein Eigenleben und die abgenutzten Klischees geben preis, was unter der polierten Oberfläche eines wortgewandten 'positiven Denkens' liegt: Angst und Einsamkeit.
Gesine Danckwart hat diesen Abnutzungsprozess sehr genau beobachtet und zu teils witzigen und ironischen, teils aber auch sehr ernsten Sprachfragmenten zusammengesetzt und fünf Figuren erschaffen, die zwischen der morgendlichen Furcht vor dem Tag und der abendlichen Verzweiflung vor dem Fernseher lässige Sprüche klopfen und hemmungslos heulen dürfen.
Die Regisseurin Beate Andres inszeniert die fünf Monologe in einer klaustrophobischen Welt: Jeder redet für sich, Gespräche oder Kontakte gibt es nicht. Der Soundtrack von Thomas Laboeg - hallendes Türenschlagen, verzerrte Umweltatmos und ein durchgehendes Blubbergeräusch - verdichtet die Atmosphäre von Eingeschlossensein und Isolation als Lebenszustand der Figuren."
Mit:
Kathrin Angerer, Liv-Juliane Barine, Claudia Mischke, Götz Schulte, Jens Wachholz
Laufzeit: 55 Minuten
Sendetermine: DLR - Montag, 19. März 2007, 00:05 Uhr
Steibruch
Autor(en): Albert J. Welti
Produktion: DRS 1942
Regie: Arthur Welti
Sprache: Dialekt
Inhaltsangabe: Es ist wirklich eine "kleine Welt", die da Albert J. Welti zeichnet. Aber die Geschehnisse in diesem Mikrokosmos weisen auf Grundsätzliches, das die "grosse Welt" erst lebenswert macht. Es geht um Ausgrenzung, um Zivilcourage, um Toleranz.
Arnold Murer kommt nach 14 Jahren aus Amerika in sein Dorf zurück. Die "Dörfler" begegnen ihm aber mit Misstrauen und Böswilligkeit, weil er "dort drüben" im Zuchthaus gesessen hat, unschuldig, wie sich später herausstellt. Murer wird zum Eigenbrödler, zieht sich in seinen Steinbruch zurück. Ein hübsches Mädchen und ein geistig behinderter Knabe sind sein einziger Kontakt. Aber die brave Dorfschaft setzt alle Hebel in Bewegung, um Murer gänzlich zu isolieren.
Die Uraufführung des "Steibruch" - mit der am 7. Mai 1939 das "Landesausstellungstheater" eingeweiht wurde - war ein sorgfältig geplantes und umsichtig in Szene gesetztes Ereignis von nationaler Bedeutung. Man wollte gegenüber Nazideutschland den Beweis kultureller Eigenständigkeit auf dem Gebiet des professionellen Theaters antreten. 1942 verfilmte Sigfrid Steiner den Stoff, 1974 realisierte das Schweizer Radio die Hörspielfassung des Autors.
Mit:
Arnold Murer: Heinrich Gretler
Mäiti: Margrit Rainer
Johannes Steiner, Max Röhtlisberger, Konrad Steiner, Paul Ruffy, Arthur Welti, Sigfrit Steiner, Lotte Lieven
Laufzeit: > 50 Minuten
Sendetermine: DRS 1 - Montag, 19. März 2007, 14:00 Uhr (gekürzt)
Die Ästhetik des Widerstands
Autor(en): Peter Weiss (BRD 1916 - 1982)
Produktion: BR/WDR 2007
Bearbeitung Literatur
Regie: Karl Bruckmaier
Bearbeitung: Karl Bruckmaier
Komposition: David Grubbs
10. Teil: Der Untergrund
Inhaltsangabe: 'Die Ästhetik des Widerstands', das in den Jahren von 1971 bis 1981 entstandene erzählerische Hauptwerk des Schriftstellers Peter Weiss, gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Romanen der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Zentrum des fast eintausend Seiten umfassenden Triptychons, das die Geschichte des Scheiterns sozialistischer Ideale und Kämpfe und das Ausgeliefertsein des Individuums in totalitären Zeiten abbildet, steht die Person eines fiktiven deutschen Widerstandskämpfers. Dieser Ich-Erzähler verlässt als Jugendlicher 1937 Berlin und gelangt über die Tschechoslowakei, Spanien und Paris nach Schweden. Da wie dort wird er Zeuge der Widerstandskämpfe gegen Nazideutschland und der Machtkämpfe innerhalb der Kommunistischen Partei. "Wer ist dieses Ich? Ich selbst bin es."
Der namenlose Protagonist ist in vielen Details dem Autor nachgebildet. Er gibt Peter Weiss Gelegenheit, durch seine literarische Trauer- und Erinnerungsarbeit eine sprachmächtige Aufarbeitung eines historisch entscheidenden Jahrzehnts in der Auseinandersetzung der Ideologien zu liefern. Am Ende steht der Fall des Faschismus, gleichzeitig entwerten sich aber auch die Utopien der europäischen Linken im sowjetischen Personenkult und in der weltanschaulichen Zerrissenheit der Arbeiterparteien. Darüber hinaus arbeitet sich Weiss auch an der für ihn persönlich relevanten Hauptfrage ab, inwieweit politische Notwendigkeit und individuelle Erkenntnis über ästhetische Zusammenhänge miteinander zur Deckung gebracht werden können - auch hier gelingt dem Autor eine bittere Synthese aus Kunsttheorie und Realitätsanspruch: Der Ich-Erzähler und seine Gefährten entwickeln nicht nur über politische Erörterungen und Einschätzungen, sondern ebenso über Lektüren und gemeinsame Kunstbetrachtung eine Art kollektive Weltsicht. Durch die Reflektion seines politischen Tuns wie durch die Deutung großer Kunstwerke erfindet sich der Erzähler im Roman eine eigene Position als geistiger Arbeiter, als freier Schriftsteller, der sich aber aus ebenso freien Stücken der Disziplin einer Kaderpartei unterwirft: "Für den Ruf nach totaler Zertrümmerung der Kunst hatten wir nichts übrig, solche Parolen konnten sich diejenigen leisten, die übersättigt waren von Bildung."
Zu seinem Romanprojekt betrieb Peter Weiss intensive historische Recherchen, um dem entstehenden Werk "breiteste Realität zu geben". Neben der Hauptperson begegnet der Leser Figuren wie Willi Münzenberg oder Herbert Wehner und den Mitgliedern der Widerstandsorganisation um Harro Schulze-Boysen (`Rote Kapelle'). "Ich benutzte die authentischen Namen im Roman als Chiffren", notierte Peter Weiss dazu. Eine dieser Chiffren ist Bert Brecht. Auf ihn und seine Mitarbeiter stößt der Ich-Erzähler im schwedischen Exil. Weiss beschreibt manchmal bis ins quälende Detail alles über die Antagonismen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in Deutschland, Spanien, Schweden und im französischen Exil, denen groß angelegte Ausdeutungen von Gemälden (Picassos 'Guernica') und Romanen (Kafkas 'Das Schloss') gegenüberstehen. In den grob zehn Jahren (1937 bis 1947), die der Roman umfasst, bekämpften zwei totalitäre Systeme - Faschismus und Kommunismus - sich selbst und die Menschheit aufs grimmigste und rücksichtsloseste. Im Namen einer pervertierten Vernunft und Wissenschaftlichkeit wurde mehr gemordet als je in der Geschichte zuvor im Namen einer Religion oder metaphysischen Idee - und dies aus dem Herzen des zivilisierten Europa heraus.
Gut fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod von Peter Weiss, gut fünfzehn Jahre nach dem Zerfall des kommunistisch regierten Ostblocks liest man "Wehrt Euch"-Parolen auf den Straßen Berlins und im Osten Deutschlands, diesmal auf den Plakaten der politischen Erben der Nazi-Ideologie - und nicht als illegal hinterlassenes Signum des Widerstands gegen das NS-Regime wie im Roman 'Die Ästhetik des Widerstands'. Zu keinem besseren Zeitpunkt könnte man erinnern an einen der noch vor nicht allzu langer Zeit meistgespielten und meistgelesenen Nachkriegsautoren Deutschlands, an Peter Weiss und seine 'Ästhetik des Widerstands', die nun in einer fast zwölfstündigen Hörspielfassung, erarbeitet und realisiert von Karl Bruckmaier, vorliegt - immer noch monströs, immer noch schwierig, immer noch besessen vom Wunsch, auf der Basis von Vernunft und Verstehen eine bessere Welt zu errichten, ohne deshalb die Menschlichkeit abzuschaffen. Und doch auch anders als der Roman: das Hörspiel ist sich der Widersprüche des Textes durch den zeitlichen Abstand und die historischen Ereignisse stärker bewusst, ebenso der Zerrissenheit des Autors, seines Leidens, seines tatsächlich stellvertretenden und existentiellen Leidens bis hin zum Tod. In der zwangsläufig radikal komprimierten Hör-Fassung wird die Ästhetik auch verstehbarer, zugänglicher durch die Stimmen von Peter Fricke, Robert Stadlober, Rüdiger Vogler, Susanne-Marie Wrage, Hanns Zischler.
Mit:
Robert Stadlober, Peter Fricke, Rüdiger Vogler, Michael Tregor, Helga Fellerer, Ulrich Frank, Paul Herwig, Helmut Stange, Christian Friedel, Stephan Zinner, Katharina Schubert, Sabine Kastius, Susanne-Marie Wrage, Hanns Zischler, Jochen Striebeck, Wolfgang Hinze, Jule Ronstedt
Gesamtlaufzeit: ~ 660 Minuten
Sendetermine: BR 2 - Montag, 19. März 2007, 20:30 Uhr - Teil 10 von 12 (Ursendung)
Schreckmümpfeli:
Davids Wurm
Autor(en): Brian Luley
Produktion: DRS 1977
Regie: Rainer Zur Linde
Mit:
Hans-Günther Müller, Rainer Zur Linde, Hans Heinz Moser
Laufzeit: 8 Minuten
Sendetermine: DRS 1 - Montag, 19. März 2007, 23:00 Uhr
Zuhause
Autor(en): Kristof Magnusson (BRD 1976)
Produktion: WDR 2007
Regie: Thomas Leutzbach
Inhaltsangabe: Auf seinen Urlaub in Reykjavík hat sich der Halb-Isländer Lárus Lú vígsson lange gefreut. Matilda und Svend, Milan und er. Doch Matilda eröffnet ihm gleich nach seiner Ankunft, dass sie sich von Svend getrennt hat, und Milan ist auch nicht mitgekommen. Im Grunde ist nichts so, wie Lárus es sich in Hamburg ausgemalt hat. Zwar ist es erwartungsgemäß düster und eiskalt, aber als "tot" hätte ihn das isländische Melderegister ja nicht gleich führen müssen. Und kaum dass Lárus sich mit seinem ehemaligen Mitschüler Dagur über Kälte und Liebeskummer hinwegzutrösten versucht, beschließt dieser, mit seinem Land Rover in ein Restaurant zu rasen. Nur mit einem beherzten Sprung kann Lárus sich in letzter Sekunde aus dem Auto retten. Doch die Gefahr ist noch lange nicht gebannt: Auf der Suche nach Erklärungen wird Lárus immer tiefer in eine uralte Familiengeschichte verwickelt.
Laufzeit: ~ 53 Minuten
Sendetermine: WDR 3 - Montag, 19. März 2007, 23:05 Uhr
[Quelle:
www.hoerdat.de]