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Hörbücher und Kapitalismus
Irgendwann begann es, dass Menschen nach einer Lesung fragten: "Gibt's das auch als Hörbuch? Wissen Sie, das ist einfach was anderes als Lesen." Richtig, das ist Hören.
Wie auch immer, vielleicht ist es an der Zeit, sich mit dem Thema mal auseinanderzusetzen? "Ein historischer Abriss des Hörbuchs als solchem unter besonderer Berücksichtigung der dem Kapitalismus inhärenten Vermarktungsstrategien."
Am meisten Schwierigkeiten mit dem Aufkommen von Hörbüchern hatte mein Buchhändler, der Gustav. Das ist so'n gediegener Altlinker, mit allem, was dazugehört: Wenn man in seinen Laden reinkommt, steht da zu allererst mal die Auslage mit den Marx-Engels-Werken; wie der großartige Matthias Deutschmann einmal reimte: "Ein paar Bände KAPITAL / stabilisieren das Regal."
Für den Gustav waren Hörbücher gar nichts. Es gab Platten mit Musik drauf und Bücher mit Buchstaben drin. Fertig.
Furchtbar war das für den Gustav, als auf einmal die Kids in seinen Laden kamen. Die gepiercten Kapitalisten-Kinder, die sonst immer gegenüber bei der Eisdiele rumlungerten und mit ihren tiefer gelegten Hosen die Straße saubermachten. Und die kamen jetzt zu zehnt in seinen Buchladen rein und fragten nach Bertold Brecht: "Brecht bitte. Einmal reicht, können wir ja brennen!"
Und der Gustav durfte noch nicht mal eine Demo organisieren.
Mittlerweile gibt's Hörbücher in seiner Buchhandlung, aber nicht viele. Für den Gustav gehören da nur Bücher hin, CDs sollen in den Plattenladen. Das ist ja das Hauptproblem von Hörbüchern: Plattenladen oder Buchhandlung?
Ich geb' das gerne zu: Als ich mein erstes Hörbuch gemacht habe, bin ich schon zu Saturn und WOM und so rein, um zu gucken, ob ich da stehe. Weil's halt schon cool gewesen wäre, aber ich stand da nie. Und meine Kumpels standen da auch nie. Dabei haben wir richtig tolle CDs gemacht. Aber im Laden gab's die nicht.
Ich habe mich dann von den Hörbuch-Verlagen bemustern lassen und mir angewöhnt, die CDs von mir und meinen Kumpels einfach dazulassen in den Plattenläden. Ich habe sie alphabetisch korrekt einsortiert und bin gegangen. Einfach so. In Berlin wurde ich einmal erwischt. Im Münchner WOM auch, und dort wurde ich fast bestraft dafür. Man darf das nämlich nicht.
"Das wird bei uns geahndet wie Diebstahl", erklärte mir der Geschäftsführer.
"Wie jetzt? Ich habe doch gar nichts gestohlen, im Gegenteil, ich habe etwas dagelassen."
"Das ist dasselbe. Wenn nicht noch schlimmer!"
Eine Logik, die sich mir nicht unmittelbar erschloss, aber der Plattenmann klärte mich auf: "Schauens, die können Sie nicht einfach da lassen. Auf jeder CD ist doch ein Strichcode drauf. Und jetzt findet die jemand, geht zur Kasse, bezahlt und nimmt das Teil mit nach Hause."
"Ich habe davon gehört. Das nennt man Kaufhandlung."
"Und irgendwann, Sie Volldepp, wird dann Inventur gemacht..."
Ja, ich Volldepp, dann wird nämlich Inventur gemacht und dann stellt sich raus, dass zuviel Geld in der Kasse ist, was natürlich schrecklich ist und dann brauche es Tage bis der Fehler gefunden ist. So hat das der Plattenmensch gesagt, wörtlich: "Im schlimmsten Fall, junger Freund, im schlimmsten Fall bricht das ganze System zusammen!"
Das ganze System gleich... Wer hätte gedacht, dass Hörbücher eine solch durchschlagende Wirkung haben könnten?
Um zu einem versöhnlichen Ende zu kommen: Es stehen noch Hunderte von mir hineingestellte CDs in den Läden. Wenn Ihr also das System zerschlagen wollt, kauft Hörbücher. Wollt Ihr hingegen die Plattenindustrie schützen: Klaut!
© 2006 jess jochimsen. zuerst erschienen als SPALTER in der FRANKFURTER RUNDSCHAU.
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Mittlerweile gibt's Hörbücher in seiner Buchhandlung, aber nicht viele. Für den Gustav gehören da nur Bücher hin, CDs sollen in den Plattenladen. Das ist ja das Hauptproblem von Hörbüchern: Plattenladen oder Buchhandlung?

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Original von tOraO
hmmm - bin ich echt der einzige der diesen text weder witzig noch originell findet ?
